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auf und ab
andreaffm, Mi, 20.August.2008, 23:23 Der Tag war heiß und sonnig und vielleicht wäre ein Handtuch am See die vernünftigere Alternative gewesen. Aber im Tal ist alles noch harmlos. Da ist es sonnig und flach und grün und die Äpfel hängen an den Bäumen. Dann geht es in den Wald. Und dann durch die Kuhherde hindurch, die einen auf Schritt und Tritt beobachtet, den Berg hinauf.
![]() Der Aufstieg ist eine Sache der Kondition. Vor allem braucht man die Kraft, sich den Berg hochzustemmen, Wurzel für Wurzel. Man muß auf den Weg schauen, da bleibt nicht viel Blick für die Landschaft, dafür muß man extra Pausen einlegen, damit man sich umschauen kann. Man muß atmen, im richtigen Rhythmus, sonst gibt es Seitenstechen. Man muß ein Tempo finden, das man schaffen kann. ![]() Die Umschaupausen lohnen sich. Zu sehen gibt es Bäume und Pilze und Sauerklee und kleine Bächlein und abgeerntete Heidelbeerbüsche. Ich bin ja meistens schon mit Bäumen zufrieden. Hinter den Bäumen bauen sich gerade Gewitterwolken auf, aber die sieht man nicht, man hört nur den Donner. Vielleicht werden wir später naß, aber wir beschließen, daß das nichts macht. ![]() Am Ende wird es immer steiler, und der Weg fordert die ganze Aufmerksamkeit. Ein Stück geht es über Geröll, dann wieder Wurzeltreppenstufen. Es donnert immer noch, wir geben uns optimistisch. Mein Vater hat immer gesagt, Gewitter im Gebirge sei besonders gefährlich. Das hat er auch beim Abendspaziergang fünfzig Meter vorm Hotel gesagt, als es ein bißchen grummelte in der Ferne, und fing an zu rennen und mußte sich von mir und meiner Mutter auslachen lassen. Deshalb muß ich bei dem Satz, daß Gewitter im Gebirge besonders gefährlich sei, immer still in mich hineingrinsen. ![]() Als wir oben sind, dämmert es schon. Meine Knie sind vermutlich aus Gummi, das würde das schwabbelige Gefühl erklären. Aber erst einmal gucken wir uns die Wolken an, die an uns vorbeiziehen. Da hinten blitzt es, dann donnert es, dann blitzt es wieder. Aber nicht hier, über uns ist der Himmel blau. ![]() Wenn der Aufstieg eine Sache der Kondition ist, dann ist der Abstieg eine Sache der Geschicklichkeit. Und der Kenntnis des Weges. Ich kenne den Weg nicht und bin langsam, denn ich traue keinen Steinen, ich traue nur Wurzeln. Steine sind rutschig, oft nicht gerade fest im Boden verankert und überhaupt eine ziemlich instabile Angelegenheit. Wurzeln sind verläßlich, da hängen immer ganze Bäume dran, die gleiten einem nicht unter den Füßen weg. Man sollte den Abstieg nicht unterschätzen, finde ich, das sieht immer so leicht aus, aber man knickt leicht um oder rutscht aus und schon ist der Knöchel verstaucht. Wenn ich einem Stein nicht traue, muß ich erst prüfen, ob er hält. Das macht mich langsam, aber ich bin noch immer überall heil hinunter gekommen. ![]() Dann sind wir schon wieder bei den Kühen, die auf der Weide stehen und sich gegenseitig die Gesichter ablecken. Der Abstieg ging so schnell, kein Vergleich mit dem Kraftakt des Aufstiegs. Ich bin nicht außer Atem, und meine Knie haben wieder eine halbwegs unverformbare Konsistenz angenommen, vermutlich Knochen. Es ist sogar noch ein wenig hell. Erst, als wir wieder zu Haus sind und das Teewasser kocht, geht es los. Es schüttet, lange und ausführlich schüttet es und macht die heiße Luft sauber, die schon ganz staubig war von der Hitze der letzten Tage, wäscht die Stechmücken weg, die einen nachts terrorisieren und gießt den Garten. Dann ist es naß und kühl und ich beschwere mich nicht einmal darüber.
tagesplan
andreaffm, Di, 19.August.2008, 11:27 Was machen wir heute? Im Prinzip das gleiche wie gestern:
![]() Wie oft stand ich schon am Ufer ![]() Wie oft sprang ich in den See ![]() Wie oft mußten sie mich retten ![]() Damit ich nicht untergeheheee. ![]() Es ist zwar etwas teurer, dafür ist man unter sich. Und ich weiß, jeder zweite hier ist genauso blöd wie ich. (Und jetzt alle:) Oh, ich hab solche Sehnsucht …
ersatzüberschrift für ersatztext
andreaffm, Mo, 18.August.2008, 21:53 Eigentlich gibt es nichts zu sagen. Eigentlich kann man nur Photos machen, viele Photos, weil man Angst hat, das Wichtigste nicht draufzubekommen und weil alles rundherum es wert ist, festgehalten und nach Hause getragen zu werden. Aber von dem echten bleibt kaum etwas übrig auf den Photos, weil es nur ein paar Abbildungen sind und der Geruch nicht drauf ist nach Heu und Feuchtigkeit und Wald und warmem Holz. Und die Wärme nicht und wie der Boden leicht nachgibt und sich nach jedem Schritt die Pflanzen wieder aufrichten. Und das Gebimmel der Kühe ist nicht drauf und das Summen der Bienen und der Hummeln auf ihrem Parabelflug über die Wiese.
![]() Mann kann diese Photos dann bearbeiten, so wenig perfekt wie sie sind, und auf die lächerliche Spaltenbreite des Blogs verkleinern, auf die man sich irgendwann einmal festgelegt hat und damit muß man nun klarkommen. Kaum etwas bleibt übrig, kaum etwas von den Farben, die so satt sind, wie sie kein Photoshopregler hinbekommt, weil es die Einstellung nicht gibt, weil es solche Bildschirme schon gleich gar nicht gibt. Kaum etwas von der Größe bleibt übrig. Überhaupt kaum etwas, wenn man sich das so anschaut, alles zerfitzelt. ![]() Man kann dann versuchen, dem Eindruck mit Worten Nachdruck zu verleihen. Kann redundant herumreden und behaupten, wie groß alles war und wie bunt und wie schön und wie gut es roch. Das kann man machen und es kommt einem vor wie eine Bankrotterklärung des eigenen Sprachschatzes. Weil es auch nicht wirklich hilft, weil es auch nur ein Ersatztext ist, weil man es gesehen haben muß und dagewesen sein muß, um das nachzuvollziehen. ![]() Heute also sind wir am Achernsee einmal abgebogen und hoch hinauf in die Alpen. In den Winkeln lagen allerletzte Scheefelder oder allererste Schneefelder, wenn dann der Winter kommt, oder überhaupt Schneefelder, die da dauerhaft liegen und sich von den Jahreszeiten nicht beeindrucken lassen. Gleich neben dem Schneefeld ist es unglaublich warm und die Blumen blühen, diese Blumen, die es nur auf Alpenwiesen gibt und sonst nirgends und die flachen Kräuter, die es auch nur da gibt und die Latschen und Steine und verwitterte Wurzeln. Diese ganzen Mikrostrukturen, die alles überziehen. Es gibt kaum eine Landschaft, die so quadratzentimeterweise schön ist. ![]() So quadratzentimeterweise schön, daß man sich dann hinterher fragt, was man hier eigentlich macht und warum und daß es alles nur Krücke ist, Ersatz für irgendetwas, Abklatsch von irgendetwas, Ablenkung, defizitäre Reproduktion. Weil man an solchen Gegenständen dann nämlich regelmäßig scheitert. Immer, wenn es ungebrochen ist, wenn man nicht in Zynismus ausweichen oder sich wenigstens ein bißchen echauffieren kann über irgendwas, immer dann steht man da und weiß nicht weiter mit sich und der ganzen Menschheit und kriegt Kultursausen. ![]() Wenn man Glück hat, kriegt man auch gleich Hunger und wendet sich wieder etwas ganz Existentiellem zu und der Moment ist vorbei. Und was bleibt, sind Ersatzbilder und Ersatzgedanken, die man auch Erinnerungen nennen könnte.
selbstgenügsamkeit
andreaffm, So, 17.August.2008, 21:48 ![]() ![]() ![]() (Und wenn ich es vor lauter Idylle nicht mehr aushalte, geh ich mir eine hübsch abweisende Bankfiliale suchen wegen dem Heimatgefühl.)
staubige ecken
andreaffm, Sa, 16.August.2008, 21:52 Es gibt Dinge, von denen man einfach vergißt, daß man sie je gesehen hat. Die liegen gut verpackt und verschnürt irgendwo ganz hinten in der hintersten Erinnerungsecke des staubigsten Teils des Oberstübchens. Und da liegen sie gut, manchmal Jahrzehnte lang. Man denkt nicht an sie, warum auch, man braucht sie nicht, sie nützen nichts, haben keinen Platz im momentanen Dasein.
Vielleicht haben sie einmal einen Eindruck hinterlassen, haben einen für kurze Zeit fasziniert in einer Phase, als man für Faszinationen noch leichter empfänglich war als heute. Man ist ja unbeeindruckbar geworden mit den Jahren, das ist auch gut so, das spart Zeit und Energie. Man geht leichter an den Dingen vorbei, auch an Dingen, die man nicht versteht, geht man einfach so vorbei, weil man sich daran gewöhnt hat, daß man nicht alles verstehen kann. Man konzentriert sich auf das Wesentliche, sagt man, ohne genau zu wissen, was das Wesentliche eigentlich ist und warum gerade das jetzt und nichts anderes. Und dann, völlig aus dem Nichts, trifft man so ein Ding wieder, so ein Ding von früher platzt aus der hintersten Erinnerungsecke des staubigsten Teils des Oberstübchens und packt sich einfach so aus, ohne daß man danach gefragt hätte, und stellt sich einem in den Weg. Und man will erst daran vorbeigehen, aber dann beginnt es im Oberstübchen zu rumoren und man weiß plötzlich, was da rumort und dann sieht man das Ding und denkt: Da habe ich schon sehr, sehr oft davorgestanden, aber das ist schon sehr, sehr lange her. Das war im Urlaub. Da waren meine Eltern. Ich war vielleicht vier oder fünf. Und ich hab so eins gekauft bekommen, es war braun, aus Plastik und bärenförmig und es stand ganz lange in der Toilette in diesem Putzmittelschränkchen. Meine Eltern haben es immer mit Spüli nachgefüllt, aber das hat nie so gut funktioniert wie mit dem echten. Wenn man dem Bär auf den Bauch gedrückt hat, kam das gelbe Plastikoval oben aus seinem Kopf raus, da mußte man reinpusten. Das war die Luxusversion. Hier gibt es nur die billige Version, nicht bärenförmig und nichts wo man draufdrückt, sondern zum Eintauchen. Hatte ich auch mal, aber der Bär war toller. ![]() Das alles geht mir mit einen Mal durch den Kopf, während ich den Pustefix-Bär auf seinem Holzstühlchen anstarre, den es auch in diesem Ort im Allgäu gab, wo wir in Urlaub waren, als ich noch klein war. Da gab es Berge, Kühe und einen Pustefix-Bär, soviel weiß ich noch. Und unser Hotel hieß: Zum Bären, das fällt mir jetzt auch wieder ein. Und wie ich den Pustefix-Bären mochte, der unermüdlich Seifenblasen produzierte, und wie ihn erstaunlicherweise die Kinder, die hier herumrennen, auch mögen und wie der Vater dasteht und Seifenblasen machen muß, unermüdlich wie der Bär, und der eigentlich schon viel zu alte Junge rennt ihnen hinterher, um sie zum Zerplatzen zu bringen, bevor sie den Boden erreichen. Es ist eine seltsame Pustefix-Epiphanie, die mich hier heimsucht, und ich kann mich nur schwer losreißen. Vielleicht, denke ich, sehe ich nie wieder einen Pustefix-Bären, weil sie so selten sind. Es gab noch nie viele, und hier jetzt wieder einen zu sehen, nach so vielen Jahren, das ist wie eine eigentlich ausgestorbene Spezies wiederzuentdecken oder einen sehr alten Freund und es ist mit ihm fast alles so wie früher. Und frage mich, wieviele Dinge wohl noch pustefixbärengleich in der hintersten Erinnerungsecke des staubigsten Teils des Oberstübchens herumliegen und darauf waren, in epiphanieartigen Momenten plötzlich aufzuerstehen und sich mir in den Weg zu stellen und so zu tun, als wären sie nie weggewesen.
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